Predigt con Prädikantin Bettina von Friedolsheim

Liebe Gemeinde,
Bestimmt kennen Sie diesen Spruch: „Der glaubt wohl, er hat die Weisheit mit Löffeln gefressen“, oder den hier: „Einbildung ist auch eine Bildung“ oder diesen hier, in meinem Dialekt: „nur g‘scheit isch au dumm“ …?

Von Weisheit und Torheit, von Klugheit und Intelligenz, von Glauben und Unverständnis handelt der heutige Predigttext für den 5. Sonntag nach Trinitatis, aus dem 1. Brief des Paulus an die Korinther, Kapitel 1, die Verse 18 bis 25,

DAS WORT VOM KREUZ ALS WEISHEIT UND KRAFT GOTTES
18 Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist es Gottes Kraft.
19 Denn es steht geschrieben (Jes 29,14): »Ich will zunichtemachen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen. «
20 Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht?
21 Denn weil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die da glauben.
22 Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit,
23 wir aber predigen Christus, den Gekreuzigten, den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit;
24 denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit.
25 Denn die göttliche Torheit ist weiser, als die Menschen sind, und die göttliche Schwachheit ist stärker, als die Menschen sind.

Gott macht die Weisheit der Welt zunichte, schreibt der Apostel Paulus. Ich kann ihm da erst einmal nicht zustimmen. So auf den ersten Blick scheint die Weisheit der Menschen eher Gutes gebracht zu haben: die Kenntnisse vom Ackerbau bis hin zu den hochtechnischen Entwicklungen, die uns das Leben erleichtern – Dann die Kenntnis der Anatomie und die Forschung in der Medizin: denken wir einfach einmal an die schnelle Entwicklung  von Impfstoffen, mit denen man weltweit die Corona-Epidemie bekämpfen kann!  Ist es dann eigentlich nicht logischer, Weisheit anzustreben, mit der wir das Zusammenleben der Menschen, in Harmonie mit der Natur, besser gestalten könnten?

Sehen wir uns einmal die anderen beiden Bibeltexte an, die wir vorhin in den Lesungen gehört heben. In beiden wird ein Handeln erzählt, das auf den ersten Blick unvernünftig bzw. nicht gerade weise erscheint:

Abraham lebte als 75-jähriger Mann mit seiner Frau, seinem Bruder und einer großen Verwandtschaft an einem Ort, an dem es ihm gut ging. In dieser Situation sagt Gott zu ihm, dass er mit seiner Frau und seinem Bruder seine Heimat verlassen und alles zurücklassen soll. Verlangt da Gott nicht Unmögliches? Er verheißt Abraham aber, dass dieser Aufbruch nicht nur für ihn eine große Veränderung mit sich bringt, zum Beispiel, dass er Nachkommen haben wird, sondern dass daraus ein Volk entstehen wird, das von Gott gesegnet ist. Diese Verheißung war größer als seine Zweifel, die bestimmt da waren.  Abraham hörte Gottes Auftrag ganz deutlich – dann stellte er sich voller Vertrauen unter seine Verheißung und brach auf.

In der Lesung des Lukasevangeliums wird die Geschichte von Simon und den Fischern erzählt. Sie waren die ganze Nacht auf dem See Genezareth, ohne etwas zu fangen, als dann am Morgen Jesus zu ihnen kommt,  zu ihnen ins Boot steigt und sie anweist, nochmal auf den See hinauszufahren, gegen jegliches fischerisches Wissen, und entgegen jeglicher Logik, denn die Fische sind bei Tageslicht ganz tief unter Wasser und lassen sich eben nicht mit den Netzen fangen.  Aber sie fahren nochmal hinaus, wie Jesus es ihnen gesagt hat und sie fischen das Boot voll, dass es fast untergeht. Etwas erfüllt Simon mit Zuversicht auf einen beachtlichen Fang, und er ahnt, dass es mit dieser Ausfahrt nicht sein Ende hat – es warten noch ganz andere Aufgaben auf ihn. Sein Vertrauen und sein Glaube daran, dass er in diesem Moment genau das Richtige tut, führen zum Erfolg.

Der Nomade Abraham, der auf Gottes Wort hin auszog,
die Fischer, die ihre Netze zurückließen, um künftig Menschenfischer zu werden,
und schließlich der Christenverfolger Saulus, der am eigenen Leib Gott erfahren hat und durch seine Botschaft zum Apostel Paulus wurde, –
sie alle waren ganz normale Menschen.  Aber sie waren bereit, Altes aufzugeben und mit Gott neue Wege zu gehen. Selbst wenn es unvernünftig erschien, also alles andere als weise.

(Die göttliche Torheit und die göttliche Schwachheit seien größer als alle menschlichen Anstrengungen, heißt es sinngemäß im ersten Brief an die Korinther. Wie man diesen Satz auch dreht und wendet, immer wieder erhebt sich ein großes Fragezeichen: Gott soll – nach der Überzeugung der Weisen in der Gemeinde in Korinth – töricht und schwach sein, aber dennoch den menschlichen Anstrengungen immer noch weit überlegen? Das scheint doch geradezu paradox zu sein.)

Wie war die Situation in Korinth zur Zeit des Paulus? Korinth war und ist eine Hafenstadt. Es lebten sehr viel arme Leute dort, Gestrandete, Obdachlose, Bettler, Prostituierte. Diese Stadt war ein Schmelztiegel der unterschiedlichsten Kulturen, Religionen und Nationen. Das Christentum war noch nicht sehr bekannt und niemand wusste, wie sich das ganze entwickelt. Aber es eroberte sich seinen Platz und war damals, wie auch heute, Teil der Gesellschaft. Man begegnete ihm mit Neugier aber auch mit Misstrauen.

In der Gemeinde Korinth gab es zwei Bewegungen.
Für die einen war es unvorstellbar, dass ein Gott, der gekreuzigt wurde und daher in ihren Augen kläglich versagt hat, diesen als einen Retter zu sehen. Diese Sichtweise bezeichnet Paulus hier als Dummheit oder Torheit.
„Wir verkündigen“, so Paulus, „den gekreuzigten Messias.“ Allein das schon schien inakzeptabel, sowohl für die jüdischen Gläubigen, die mit dem Messias eher die Wunschvorstellung eines triumphalen Einzugs in das Tor Jerusalems in Verbindung brachten, als auch für Menschen aus anderen Kulturen, die sogenannten Heiden, die darin eine Dummheit oder Torheit sahen.
Die andere Bewegung war der Gegenpol: nämlich, dass Weisheit für die, die an Gott glauben, oder die an Jesus als Messias glauben, die Kraft Gottes ist. Für sie ist Jesus den Tod am Kreuz gestorben und auferstanden und sie sind dadurch erlöst. Für sie verkörpert der Messias göttliche Macht und göttliche Weisheit.
So zeigt Paulus die Gegensätze auf: das, was die Menschen als Torheit betrachten, nämlich einen am Kreuz Hingerichteten als Erlöser zu sehen, das ist Gottes Weisheit.  Hat sich nicht auch die Weisheit der Welt als begrenzt erwiesen, als Gott Jesus in diese Welt geschickt und dann auch vom Tod auferweckt hat? Hat Gott damit nicht aufgezeigt, dass es auch andere Dimensionen gibt?

Diese Fragestellungen ziehen sich durch die ganze Geschichte der Christenheit, bis heute. Oft wird das auch an den Werten deutlich, nach denen die Menschen leben.
Da sind Gläubige, die sich um die Schwachen kümmern oder um das Verletzliche – eigentlich nichts Attraktives, sondern eher „dumm“ in vielen Augen der Welt. Wie oft werden Christen belächelt oder sogar verspottet, wenn es für sie wichtig ist, sich um Benachteiligte und Ausgegrenzte zu kümmern, ihnen mehr Rechte und ein menschenwürdiges Leben zu verschaffen.

Wenn ich mich zum Beispiel für die Eingliederung oder menschenwürdige Unterbringung von Geflüchteten einsetze oder für eine nachhaltigere Umweltpolitik, werde ich schnell als naiv oder dumm hingestellt oder als sogenannter. „Gutmensch“ beschimpft. Viele Menschen haben Angst, dass Solidarität, Nächstenliebe und Umsichtigkeit dem eigenen Wohlergehen schaden könnte oder sie sehen es sogar  als Bedrohung für die eigene Existenz. Oft ist die weltliche Weisheit die der Stärkeren, bei denen Macht und Gewinn im Vordergrund stehen.

Wir alle wollen doch Zeichen von Stärke. Schwäche wird verachtet. Wer aber nur auf Stärke und Muskelzeigen setzt, der kommt in einen Kreislauf von Egoismus, von Abgrenzung und Nachlassen der Menschlichkeit.
Die Weisheit der Welt zerbricht an Unrecht, Unheil und Leid. Denn damit kann diese menschliche Weisheit nicht umgehen. Gott aber sieht auch die Menschen mit den schlimmen Schicksalen und stellt sich an ihre Seite.
Auch ich habe erfahren dürfen, dass Gott sich mir zuwendet, dass er hilft, Gleichgesinnte zu finden, dass er meine Gebete hört und mir Kraft gibt.
Das Kreuz mit seiner Botschaft vom Leben über den Tod hinaus, von Hoffnung, die letzten Endes siegen wird, gibt Kraft in schwierigen, traurigen und komplizierten Zeiten. Wenn aber Versöhnung und Liebe, Mitleiden und Einsatz für Menschen in Not als Schwäche bezeichnet wird, ist es Weisheit, sich daran nicht hindern zu lassen.

Ich möchte schließen mit einem Gebet, das Franz von Assisi zugeschrieben wird:
„Herr, gib mir die Kraft, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
die Gelassenheit, das Unabänderliche zu ertragen
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden“.
Amen

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